Ein Forum für den internationalen Dialog

Globalisierung politisch gestalten

Weltsicht und Weitsicht – die Anfänge der sef:

Als Willy Brandt 1986 die Gründung der Stiftung Entwicklung und Frieden (sef:) initiierte, war die Welt noch vom Kalten Krieg geprägt. Doch Brandts Blick reichte über die Ost-West-Konfrontation hinaus. Als Vorsitzender der Unabhängigen Nord-Süd-Kommission hatte er sich bereits dafür eingesetzt, Armut, globale Ungleichheit, Aufrüstung und wirtschaftliche Entwicklung als miteinander verbundene Herausforderungen zu begreifen.

Der 1980 veröffentlichte Bericht der Kommission, „Das Überleben sichern“, entwarf die Vision einer Partnerschaft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, die auf gemeinsamen Interessen und gegenseitiger Verantwortung beruhte. Er wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die Gründung der sef:.

Gemeinsam mit Johannes Rau, dem damaligen Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens, und weiteren Mitstreitern verwirklichte Brandt die Idee eines unabhängigen Forums, das Fragen von Entwicklung und Frieden über politische, nationale und fachliche Grenzen hinweg zusammenführen sollte.

Am 10. September 1986 wurde die Stiftung Entwicklung und Frieden in der Düsseldorfer Staatskanzlei gegründet. Willy Brandt übernahm den Vorstandsvorsitz, Johannes Rau den Vorsitz des Kuratoriums und der Friedensforscher Dieter Senghaas den Vorsitz des Beirates.

Zu den weiteren Gründungsmitgliedern zählten Kurt H. Biedenkopf, Ralf Dahrendorf, Friedhelm Farthmann, Uwe Holtz, Klaus Dieter Leister und Carola Stern. Trotz unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Hintergründe verband sie eine gemeinsame Vision:

„Uns eint die Vision einer Welt ohne Grenzen und Vorurteile, ohne Hunger und Angst vor Zerstörung.“

 

„Entwicklung im weiteren Sinn ist ein anderes Wort für Frieden.“

„Zwischen Entwicklung und Frieden gibt es unauflösbare Zusammenhänge. Sie wissenschaftlich zu ergründen, sie öffentlich darzustellen und sie in das Gespräch der Menschen einzubringen, ist der Sinn dieser Stiftung."

Johannes Rau 1986

Die 1990er Jahre – Aufbruch in eine neue Weltordnung

Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges verbanden sich große Hoffnungen auf eine friedlichere und gerechtere Welt. Zugleich stellte sich die Frage, wie internationale Zusammenarbeit in einer zunehmend verflochtenen Welt organisiert werden könne.

Eine Antwort suchte die Commission on Global Governance, die auf eine Initiative Willy Brandts zurückging. Ihr 1995 veröffentlichter Bericht „Our Global Neighbourhood“ (deutsch: „Nachbarn in Einer Welt“) machte die gemeinsame Verantwortung von Staaten, internationalen Institutionen und gesellschaftlichen Akteuren zum Ausgangspunkt einer neuen Debatte über globale Politikgestaltung.

Für die sef: wurde Global Governance zu einem prägenden Leitmotiv. Gemeinsam mit dem 1990 gegründeten Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg-Essen brachte sie das Konzept in die wissenschaftliche und politische Diskussion in Deutschland ein.

Auch die Stiftung selbst veränderte sich. 1991 schloss sich Berlin an, 1993 wurde der bisherige Verein in eine rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts umgewandelt. Mit Brandenburg und Sachsen kamen zwei weitere Stifterländer hinzu. Die sef: erhielt damit ihre bis heute bestehende föderale Struktur – getragen von vier Bundesländern aus Ost und West.

Die 2000er Jahre – Globale Politik neu denken

Die Globalisierung veränderte Wirtschaft, Gesellschaft und internationale Politik grundlegend. Doch wer sollte die Regeln dieser zunehmend vernetzten Welt gestalten? Welche Verantwortung trugen Staaten, internationale Organisationen, Unternehmen und Zivilgesellschaft? Und wie ließen sich die Interessen unterschiedlicher Weltregionen miteinander vereinbaren?

Diesen Fragen widmete sich die sef: in zahlreichen Konferenzen, Fachdialogen und Publikationen. Global Governance blieb ihr Leitmotiv, während das Themenspektrum von internationaler Friedenssicherung und Entwicklungspolitik bis zu Migration, Urbanisierung und menschlicher Sicherheit reichte.

Mit den Potsdamer Frühjahrsgesprächen, dem Berliner Sommerdialog und den Veranstaltungen in Bonn entwickelten sich feste Foren für den internationalen Austausch. Besonders die Potsdamer Gespräche profilierten sich als Plattform für die Diskussion regionaler Zusammenarbeit und politischer Entwicklungen in Afrika.

Publikationsreihen wie „Globale Trends“, „EINE Welt“ und die SEF-Policy Papers griffen zentrale Fragen der globalen Politikgestaltung auf und machten wissenschaftliche Analysen und politische Lösungsansätze einem breiteren Fachpublikum zugänglich.

Die 2010er Jahre – Globale Ziele, Verantwortung vor Ort

Neue wirtschaftliche Machtzentren, veränderte internationale Kräfteverhältnisse und wachsende Herausforderungen durch den Klimawandel rückten die Frage nach einer gerechteren Gestaltung der Globalisierung stärker in den Mittelpunkt.

Mit der Verabschiedung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung im Jahr 2015 erhielt die internationale Zusammenarbeit einen neuen gemeinsamen Orientierungsrahmen. Für die sef: rückte damit auch die Frage in den Vordergrund, wie globale Ziele auf regionaler und lokaler Ebene umgesetzt werden können – und welche Rolle Länder, Kommunen und gesellschaftliche Akteure dabei spielen.

Das 2013 gestartete Bonn Symposium bot Raum für den internationalen Erfahrungsaustausch über nachhaltige Entwicklung und kommunale Verantwortung. Die Potsdamer Frühjahrsgespräche vertieften den Dialog über regionale Kooperation und gesellschaftliche Entwicklungen in Afrika. Mit dem Dresdner Forum für Internationale Politik kam 2018 ein weiteres Format hinzu, das internationale Expertise mit politischen und öffentlichen Debatten verband.

So erweiterte die sef: ihren Blick auf globale Politikgestaltung um die Frage, wie internationale Entwicklungen und politisches Handeln vor Ort ineinandergreifen.

Die 2020er Jahre – Globale Krisen und eine internationale Ordnung im Umbruch

Die 2020er Jahre begannen mit einer Krise, die die Welt nahezu zum Stillstand brachte. Die Corona-Pandemie machte die Verletzlichkeit einer global vernetzten Welt sichtbar – und zeigte zugleich, wie schwer es der internationalen Gemeinschaft fiel, gemeinsame Antworten zu finden. Nationale Alleingänge, unterbrochene Lieferketten und weltweit wachsende Ungleichheiten warfen grundlegende Fragen nach Solidarität und internationaler Verantwortung auf.

Für die sef: rückte damit die Zukunft der globalen Zusammenarbeit noch stärker in den Mittelpunkt. Wie lassen sich internationale Institutionen reformieren, damit sie auch unter veränderten Machtverhältnissen handlungsfähig bleiben? Welche neuen Formen der Kooperation können dazu beitragen, globale Krisen zu bewältigen? Und wie lässt sich eine nachhaltige Entwicklung gestalten, die soziale Gerechtigkeit, wirtschaftlichen Wandel und ökologische Verantwortung miteinander verbindet?

Diese Fragen prägten die Langfristplanung 2021–2025. Die sef: beschäftigte sich mit den Handlungsmöglichkeiten in einer zunehmend multipolaren Welt, mit der Umsetzung der Agenda 2030 und mit neuen Herausforderungen für Frieden und Sicherheit. Dabei nahm sie auch gesellschaftliche Polarisierung, die Folgen der Digitalisierung und die wachsende Bedeutung nichtstaatlicher Akteure in den Blick. Ein besonderer Schwerpunkt blieb der Austausch mit afrikanischen Partnern sowie die Frage, wie internationale Vereinbarungen und globale Entwicklungsziele auf unterschiedlichen politischen Ebenen wirksam werden können.

Auch die Formen des Dialogs entwickelten sich weiter. Während der Pandemie erweiterte die sef: ihr Veranstaltungsangebot um digitale Formate und eröffnete damit neue Möglichkeiten für den internationalen Austausch. Zugleich blieben persönliche Begegnungen und kontroverse Debatten in den Stifterländern ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit.

2026 – Vierzig Jahre sef: in einer Welt im Umbruch

Über die unmittelbaren Krisen hinaus zeichnete sich ein tiefgreifender Wandel der internationalen Ordnung ab. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, wachsende geopolitische Rivalitäten und die Verschiebung wirtschaftlicher und politischer Machtverhältnisse machten deutlich, dass die lange Zeit westlich geprägte multilaterale Ordnung zunehmend an Bindekraft verliert. An ihre Stelle tritt keine neue, einheitliche Ordnung, sondern eine multipolare und vielschichtige Welt, in der unterschiedliche Machtzentren, politische Ordnungsvorstellungen und neue Allianzen nebeneinander bestehen und miteinander konkurrieren. Internationale Institutionen, gemeinsame Regeln und selbst grundlegende Prinzipien der Zusammenarbeit werden zunehmend infrage gestellt.

Für die sef: berührt dieser Wandel den Kern ihres Gründungsauftrags. Wenn die Grundlagen internationaler Zusammenarbeit neu ausgehandelt werden, gewinnen Fragen nach gemeinsamen Interessen, gerechter Teilhabe und gegenseitiger Verantwortung erneut an Bedeutung. Zugleich stellt sich dringlicher denn je die Frage, wie internationale Kooperation unter veränderten Machtverhältnissen gestaltet und ihre Bedeutung für Politik und Gesellschaft vermittelt werden kann.

An diese Entwicklungen knüpft die Strategie 2026–2030 an. Unter dem Leitthema „Globale Entwicklung (gerecht) gestalten“ nimmt die sef: die Veränderungen der internationalen Ordnung ebenso in den Blick wie die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit und globaler Verantwortung. Dabei schärft sie ihre besondere Rolle als Stiftung der Länder: Internationale Entwicklungen sollen nicht nur in Fachkreisen diskutiert, sondern stärker in politische und gesellschaftliche Debatten in den Stifterländern eingebracht werden.

Vierzig Jahre nach ihrer Gründung steht die sef: damit vor neuen Herausforderungen – und greift zugleich Fragen auf, die schon Willy Brandt beschäftigten: Wie lassen sich gemeinsame Interessen erkennen, wenn politische und wirtschaftliche Macht ungleich verteilt ist? Wie kann internationale Zusammenarbeit auch über bestehende Gegensätze hinweg gelingen? Und wie lässt sich eine friedliche und gerechte Zukunft gemeinsam gestalten?

„Die Zukunft wird nicht gemeistert von denen, die am Vergangenen kleben.“

Newsletter Abonnieren Sie unseren Newsletter